« »

Eine gute Geschichte hat eine Einleitung…

Von Ruth Hoffmann-Erz am Donnerstag, den 23. Juni 2011

Eine Viertklässlerin schrieb folgenden Geschichtenanfang:

Im Schwimmbad
„Los Jonas!“, sagt Felix, „spring doch auch mal!“ Jonas überlegt. Eigentlich hat er ja Angst. Da sagt Lotte zu ihm: „Sei doch kein Feigling!“ Jonas stellt sich vorsichtig auf den Startblock….

Der Kommentar der Lehrerin lautete:
Einleitende Worte fehlen! Ohne Überschrift wäre es unklar!

Schaut man in die gängigen Sprachbücher der Grundschule scheint dieser Kommentar nur allzu einleuchtend. Finden sich doch Anweisungen wie:

Text-Tipp-Karte
Wer, wann, wo? Schreibe am Anfang, von wem deine Geschichte handelt und wann und wo sie spielt…
(Papiertiger, Sprachlesebuch 2, Diesterweg; 2007, S. 87)

Eine Geschichte besteht meist aus Einleitung, Hauptteil und Schluss.
In der Einleitung steht:

(Piri, Das Sprach-Lese-Buch 4, Klett 2009, S. 109)

Also hätte die Geschichte wohl besser so beginnen sollen:

An einem heißen Sommertag war Jonas mit seinen Freunden im Schwimmbad. Sie hatten viel Spaß und planschten wild im Wasser. Nachdem sie eine Weile getobt hatten, kamen Lotte und Felix auf einmal auf die Idee…

Wäre dies wirklich ein besserer Geschichtenanfang?

Um etwas über gelungene Geschichtenanfänge zu erfahren, lohnt sich vielleicht ein Blick in die Belletristik.

Als erstes Beispiel möchte ich den Anfang der Novelle „Schweigeminute“ von Siegfried Lenz zitieren:
„Wir setzen uns mit Tränen nieder“, sang unser Schülerchor zu Beginn der Gedenkstunde, dann ging Herr Block, unser Direktor, zum bekränzten Podium. Er ging langsam, warf kaum einen Blick in die vollbesetzte Aula; vor Stellar Photo, das auf einem hölzernen Gestell vor dem Podium stand, verhielt er, straffte sich, oder schien sich zu straffen, und verbeugte sich tief… [Lenz, S. (2008): Die Schweigeminute. Tübingen: Hoffmann und Campe. S. 7].

Die Novelle beginnt mit wörtlicher Rede – ebenso wie der Schülertext oben – sodass eine Einleitung im eigentlichen Sinne fehlt. Die Informationen werden implizit vermittelt, indem Wörter eines Situationszusammenhanges (Schülerchor, Gedenkminute, Direktor, Stellas Photo…) dem Leser den tragischen Tod an einer Schule vergegenwärtigen.

Auch ein Blick in die Kinderliteratur zeigt das gleiche Muster:

Im Wald
„Hilfe! Ein Monster!“, schrie Anne. „Aber klar doch“, sagte Philipp, „ein Monster in Pepper Hill, Pennsylvania!“ „Lauf, Philipp!“, schrie Anne. Sie rannte die Straße entlang. Oh, Mann! Das hatte man davon, wenn man seine Zeit mit seiner siebenjährigen Schwester verbrachte.…

[Osborne, P. (2007): Abenteuer mit dem magischen Baumhaus. Bindlach: Loewe. S. 15 ]

Bei dem Textauszug handelt es sich um den Anfang der ersten Geschichte aus einem Sammelband der beliebten Kinderbuchreihe „Das magische Baumhaus“. Auch hier beginnt die Geschichte unmittelbar und die Personen (Philipp und seine jüngere Schwester Anne) werden im Geschehen vorgestellt.

Es könnten hier noch viele Beispiele vorgestellt werden und natürlich finden sich auch Gegenbeispiele von Geschichten, die doch nach dem schulischen Muster „An einem schönen Morgen ging Peter….“ geschrieben sind.

Welche Textsorte Lehrer eigentlich meinen, wenn sie Schüler Geschichten schreiben lassen, bleibt in der Regel unklar. Kurzgeschichten jedenfalls definieren sich gerade durch eine fehlende oder kurze Einleitung und den sofortigen Einstieg in die Handlung. Und um was sonst könnte es sich bei diesen kurzen Erzählungen wohl sonst handeln?

Oder sollte man besser keinen Bezug zur Literatur herstellen und schulische Geschichten als Übungsform für das Schreibenlernen ansehen? Dennoch drängt sich dabei die Frage auf, warum die Schüler lernen sollen, eine Einleitung so zu gestalten, wie sie von vielen Sprachbüchern gefordert wird, statt direkt mit einem Handlungsverlauf zu beginnen?
Wundert es da, dass viele Kinder nach einem berichtartigen Anfang (Wer? Was? Wann? Wo?) nicht so recht in das doch so oft geforderte lebendige Erzählen hineinfinden?

Aber die Kinder brauchen doch eine Orientierung, die ihnen beim Schreiben hilft, könnte man einwenden.
Wie sollen solche Vorgaben Kindern helfen, wenn sie sie beim Lesen von Büchern nicht vorfinden, könnte man dagegen fragen.

Ich glaube, wir unterschätzen die Kinder, wenn wir versuchen, mit solchen Handlungsanweisungen Fehler zu vermeiden.
Was ein guter Geschichtenanfang leisten muss, ist den Leser unterhaltsam so zu informieren, dass er gar nicht mehr aufhören möchte zu lesen und gleichzeitig die notwendigen Informationen erhält (man denke nur an den Anfang des Romans Die Päpstin von Donna W. Cross).
Dies könnten Kinder beim Lesen eigener und fremder Texte miteinander überprüfen, um differenzierte Erfahrungen zu sammeln und die Verschiedenartigkeit von Einleitungen bewusst zu erleben, statt ein Muster zu erfüllen, das gerade in guten Geschichten nicht zu entdecken ist.



Diesen Beitrag über RSS 2.0 verfolgen.

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit leider deaktiviert.